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“Ein Ort Namens Neverwhere

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Hingegen der allgemein etablierten Meinung existiert tatsächlich ein Ort Namens Neverwhere. Es handelt sich dabei um eine Insel, die vor langer, langer Zeit annektiert und zu einem unabhängigen Inselstaat erklärt wurde. Von wem sie entdeckt oder annektiert wurde, ist heute nicht mehr bekannt, da es zu jener Zeit noch keinerlei Bedarf für die genaue Archivierung jeglicher Informationen über Staatsangehörigkeit oder territoriale Grenzen der bekannten Welt gab. Geschweige denn, die technischen Möglichkeiten. Das Wort reichte. Und Grenzwälle. Außerdem waren keinem die Dinge wirklich geheuer die dort auf dieser Insel passierten. Also ließ man die Bewohner einfach machen.
 So spukte der Name dieser Insel lediglich geflüstert und schemenhaft durch die zivilisierte Welt, was durch die verschiedenen Regierungen nur noch gefördert wurde, indem man nie die Existenz von Neverwhere bestätigte und jeden, der zufällig auf die Insel traf mundtot machte. Für den Rest der Welt gab es sie einfach nicht. Und so bekam sie dann auch ihren Namen: Neverwhere. Niemalswo, oder Niemalsland. Denn ihre Bewohner hatten ihr bei ihrer Annektierung keinen Namen gegeben, da man ein Land, das grenzenlos war, nicht zu benennen vermochte, denn es hörten nirgends wirklich auf. Es hatte die Größe einer Insel. Man konnte nicht sagen, ob es eine große Insel war, oder eine kleine. Es weitete sich ständig aus, aber dennoch blieb es eine Insel, denn die Wasser des Träumens brandeten gegen seine Ufer.
So begannen sich immer mehr Mythen um diesen Ort zu ranken, gestreut von Seeleuten in den Hafenspeluken und dunklen und verschlungenen Gassen von Providence, Hamburg, Hong Kong, Cape Hope und wo sonst noch Schiffe aus aller Welt anlegten, die durch ferne und geheimnisvolle Untiefen gekreuzt waren. Neverwhere war bald eine ähnlich gängige Legende unter den Seefahrern, wie Fiddlers Green, oder der Fliegende Holländer. Doch was es nun mit dieser Insel auf sich hatte, wer dort lebte und was dort geschah, vermochte niemand zu sagen. Man wußte nur, daß dieser Ort zu meiden war, wenn man nicht gerade eine morbide Neigung für das Dunkle und Abstoßende hegte, das in den Abgründen jenseits der Zeit lauerte.
Auch mir als erfahrenem Seefahrer und Schiffskapitän waren die Legende um Neverwhere wohl bekannt und auch mir schauderte bei der Vorstellung dieser Insel. Doch ich glaubte nicht wirklich an ihre Existenz. Vielmehr war ich der Meinung, daß ihr Mythos der Phantasie einiger Seefahrer entsprungen war, um sich und die übrigen ihrer Mannschaft bei Laune zu halten. Das war meine Überzeugung. Bis zu der heutigen Nacht, als das Schiff, welches unter meinem Kommando stand in einen heftigen Sturm geriet. Dieser hatte sich durch keinerlei Vorzeichen angekündigt, was natürlich große Verunsicherung bei der Mannschaft hervorrief und veranlaßte, daß hinter vorgehaltener Hand die ersten Worte über Neverwhere fielen.
Wir mußten irgendwo auf halben Wege zwischen Hong Kong und Providence sein, als uns der Sturm erreichte, wobei sich das Meer und der Himmel am Abend noch still und klar vor uns erstreckt hatten. In sofern war das plötzlich aufkommende Unwetter schon etwas ungewöhnlich, doch bestand für mich kein Anlaß sogleich an das Metaphysische zu glauben und mich vor irgendwelchen Hirngespinsten zu ängstigen. So rief ich meine Mannschaft auf, sich zusammenzureißen und sich lieber darauf zu konzentrieren, das Schiff samt Besatzung und Fracht, sicher durch den Sturm zu manövrieren.
Regen stürzte aus den schweren Wolken herab und raubte mir auf der Brücke vollständig die Sicht. Der rasende Sturm peitschte düstere Wellen gegen den Rumpf des Schiffes und trotz seines enormen Gewichtes, wurde es hin und her geworfen, so das man sich kaum auf den Beinen halten konnte.
Wir wurden jeglicher Orientierung beraubt, die Sterne waren vom Regen davongewischt und der Kompaß rotierte wild umher. Oben und Unten verschwammen und für eine kurze Zeit war mir als ob mein Schiff nicht durch den Ozean, sondern durch den Himmel taumelte. Die Realität verschwamm und plötzlich, als hätten wir eine Schwelle überschritten, war die See wieder ruhig und das Firmament klar, auch wenn keine Sterne zu sehen waren. Die abrupte Ruhe kam wie ein Schock und alle sahen sich verwirrt um, während wir die glatten Wasser durchkreuzten. Wo wir uns befanden, vermochte weder mein Navigator, noch eines der übrigen Crewmitglieder zu sagen, denn nichts war da, das uns unseren Standort hätte verraten können. Es war weder nachzuvollziehen, in welche Richtung uns der Sturm getrieben hatte, noch wie weit das Schiff von der letzten bekannten Position entfernt war. Das einzige, was sicher war, war, daß wir gen Norden fuhren.
Und dann kam der Ruf eines Matrosens von Deck. >>Land vorraus!<<
So unmöglich das auch sein mochte, denn wir waren auf unserer letzten bekannten Position meilenweit von jeder Küste entfernt gewesen, der Matrose hatte recht. Gegen den dunklen, sternenlosen Himmel hoben sich schwarz die Konturen einer Küste ab, besetzt mit kleinen, funkelnden Lichtern. Das Land schien offensichtlich bewohnt. Ein Glück für uns, denn so konnten wir einen der dortigen Häfen anfunken, um uns nach unserer Position zu erkundigen. Merkwürdigerweise kam keinerlei Reaktion auf unsere Anfragen. Der Funker versuchte es auf  jeglichen Frequenzen, doch da war nur das statische rauschen zwischen den Kanälen, gleich der Stille zwischen den Welten. Uns blieb also nichts anderes, als die Küste anzusteuern, um dort an einem der Häfen anzulegen, um so unseren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Sofern es dort Häfen gab.
So wies ich den Steuermann an auf die größte Ansammlung an Lichtern zuzuhalten, die entlang der Küste zu entdecken war. Höchstwahrscheinlich würde eine der größeren Küstenstätte auch einen Hafen haben, an dem wir mit unserem Frachter anlegen konnten.
Die Küste kam stetig näher und je näher wir ihr kamen, desto mehr geriet ich ins Staunen. Nur wage konnte ich die Anordnungen der Bauwerke und deren Art auf diese Entfernung ausmachen. Doch das, was ich erkennen konnte, war nichts, was ich jemals in dieser Form gesehen hatte. Als die Entfernung schließlich klein genug geworden war und die Dunkelheit die Stadt in ihrer Gesamtheit preisgab, raubte es mir fast den Atem.
Ich hatte schon viele ungewöhnliche Hafenstädte gesehen, Städte von abenteuerlicher und waghalsiger Bauweise, doch das hier übertraf alles.
Vier voluminöse, runde Türme waren etwa zur Hälfte in die weit aufragende Steilküste eingelassen. Brücken von unterschiedlicher Größe und Form verbanden diese vier gigantischen Bollwerke miteinander und Dutzende von steinernen Stegen reckten sich wie die Strahlen eines Sterns weit von ihnen weg, hinaus aufs Wasser. Die Höhe der einzelnen Türme war dem unregelmäßigen Verlauf der Küste angepaßt, wo die Form dieser riesenhaften Bauwerke nahtlos in die Mauern und Formen der Häuser überzugehen schien, die dort oben auf dem steil abfallenden Land errichtet worden waren. Die Ansammlung von Häusern war eingeschlossen von zwei Hügeln, die das Gefälle der Küste langsam abnehmen und in eine sanften Wölbung übergehen ließen, wobei der westliche der beiden Hügel ein gutes Stück höher war. Der niedrigste der Türme mußte vier oder fünf Stockwerke haben, der höchste hatte gut und gerne zehn, wenn nicht sogar mehr. So genau konnte man es nicht bestimmen, da es wie gesagt keine offensichtliche Trennung zwischen den Türmen und den darüberliegenden Häusern gab.
Ich hatte noch nie von einer derartigen Stadt gehört und hätte ich sie nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich ihre Existenz abgestritten, zu phantastisch war dieser architektonische Exzeß.
Der Funker versuchte erneut Kontakt zu den Bewohnern aufzunehmen, jedoch ohne Erfolg. Also hielten wir einfach so weiter auf die Stadt zu, um dort auf gut Glück an einem der Stege
anzulegen.
Auch wenn wir keine Antwort auf unsere Funkrufe erhalten hatten, so schien doch unsere Ankunft nicht unbemerkt geblieben zu sein. Eine Schar fleißiger Männer, half uns, das Schiff am Anleger zu vertäuen. Desweiteren wartete bereits eine Art Begrüßungskomitee, als ich mit meinem ersten Offiziers Mr. Albright, sowie zwei weiteren Männern von Bord ging, um die Einheimischen zu kontaktieren.
Die Delegation, die sich uns präsentierte, bot einen recht Eigenwilligen Anblick. Sie bestand aus drei Personen. Einer Frau und zwei Männer. Die Frau war von durchschnittlicher Größe, vielleicht ein Meter fünfundsechzig und trug einen anthrazitfarbenen Overall mit Rollkragen, der sich geschmeidig um ihren Körper legte. Ihr hellblondes Haar war kurz und derart geschnitten, das es ihr ruhiges, aufmerksames Gesicht mit seinen zottigen Strähnen einrahmte, wobei es die Ohren, Wangen und die Stirn oberhalb der Brauen verdeckte. Für einen Moment hätte ich schwören können, daß die eisblaue Iris ihres Auges keine Pupille beherbergte, doch es war recht düster dort am Anleger und der weitaus ungewöhnlichere Anblick der beiden Männer, lenkte mein Augenmerk auch schon wieder von ihrer Person ab. Einer der beiden war eine äußerst hagere Erscheinung und fast zwei Meter groß, was gegenüber der Frau, neben der er stand, einen grotesken Kontrast hervorrief. Er war äußerst blaß, fast weiß und sein dunkles Haar, war straff zu einem Zopf geflochten. Am Leib trug er einen altmodischen Anzug, ähnlich denen, wie sie im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert Mode waren, während er unter seinem linken Arm eine Mappe mit sich trug. Ich fragte mich, was sie wohl beinhalten mochte, als der vorderste der Delegation, offensichtlich ihr Oberhaupt, das Wort an mich richtete.
>> Willkommen in Port Anacor. Mein Name ist Perot Lazar. Ich bin hier der Stadthalter. <<, begrüßte uns der Mann in der kunstvoll verzierten Robe. Er bot bei weitestem den sonderbarsten Anblick. Sein Gesicht wurde durch einen ausgeprägten Knochenbau und eine ungewöhnlich hohe Stirn akzentuiert. Sein Kopf schien länger als es die Norm war und der ungewöhnlich breite Mund
offenbarte eine saubere Reihen erstaunlich kleiner, gleichmäßiger Zähne. Die schwarzen Haare sprossen nur auf der obersten Wölbung des Kopfes, weder an den Seiten, noch am Hinterkopf, und seine Ohren schienen äußerst Tief zu sitzen, so daß seine Proportionen  auf eine doch äußerst irritierende Art verschoben wirkten. Wobei zu den merkwürdigen Proportionen, die noch viel ungewöhnlichere Hautfarbe kam. Sie war extrem dunkel, fast schwarz, doch mit einer starken Tendenz ins blaue, was sicherlich auch ein Effekt der Dunkelheit sein konnte.
Vorerst zwang ich mich dazu, mich durch die Physiognomie meines Gegenübers nicht irritieren zu lassen und antwortete ihm. >> Vielen Dank für Ihre freundliche Begrüßung. Mein Name ist Captain Jeffrey Sinclair, Das hier sind mein erster Offizier Mr. Albright und die Matrosen Leary und Smith.<< Während ich sprach deutete ich auf die jeweilige Person, die ich gerade vorstellte.
>> Ich hoffe, wir behindern mit unserem Anlegen hier nicht den reibungslosen Ablauf des Verkehrs in Ihrem Hafen. <<
Über den Mund des Mannes breitete sich ein Lächeln. >> Keineswegs. Wir freuen uns immer über neue Gäste, selbst wenn sie unerwartet Erscheinen. Mein Hafenmeister hier muß lediglich die Kennung Ihres Schiffes und ihre Ankunftszeit aufnehmen. Für das Protokoll, Sie verstehen?<<
>> Natürlich. <<, sagte ich und erwiderte das Lächeln, während der hagere, blasse Mann seine Mappe hervornahm, sie aufschlug und begann, die nötigen Daten darin zu vermerken. Jetzt wußte ich also auch, was die Mappe beinhaltete.
>> Der Name dieser bezaubernden jungen Frau hier neben mir, ist übrigens Leena. Sie ist sozusagen meine rechte Hand. <<, stellte Lazar mir seine Begleiterin vor.
>> Ich verstehe. Schön sie kennenzulernen. <<
Leena entgegnete mir lediglich ein Lächeln, welches von einer hohen Selbstsicherheit zeugte, aber
keinesfalls von Arroganz.
>> Also, was führt Sie nach Port Anacor <<, fragte der Stadthalter schließlich.
>> Wir sind in einen plötzlichen Sturm geraten und als er endlich nachließ war es uns nicht mehr möglich, unsere Position zu bestimmen. Es waren keinerlei Sterne zu sehen, an denen man sich
hätte orientieren können und sämtliche Frequenzen unseres Funkgeräts waren tot. Wir konnten auch nicht ungefähr bestimmen, wie weit der Sturm uns von unserem eigentlichen Kurs abgebracht hatte. Da entdeckten wir diese Küste und haben sie angesteuert, um zu fragen, wo wir uns befinden. <<
Lazar machte eine ausladende Bewegung mit beiden Armen, welche augenscheinlich die Gesamtheit des Landes umschließen sollte. >> Dieses Land, oder vielmehr diese Insel, hat keinen Namen, denn Sie hat auch keine Grenzen. <<
>> Bitte? << Ich runzelte verwirrt die Stirn. >> ...Und wo liegt dann diese Insel? <<
>> Niemalswo. <<
Niemalswo?
Plötzlich begriff ich. Mit von Erstaunen geweiteten Augen, sah ich meinen Ersten Offizier an und konnte deutlich in seinen Zügen lesen, daß auch er soeben von der gleichen, unvorstellbaren Erkenntnis heimgesucht worden war, wie ich selbst. Ein weiterer Blick verriet, daß Mr. Leary und Mr. Smith offensichtlich ebenfalls verstanden, wo sie sich gerade befanden. Unser Erstaunen blieb Perot Lazar natürlich nicht verborgen und wie um uns in unser aller Vermutung zu bekräftigen, sprach er aus, was wir alle ahnten. >> Ihnen, wie auch dem Rest der Welt, dürfte dennoch ein Name für diesen Ort geläufig sein: „Neverwhere". <<
>> Das ist doch ein Scherz... <<, stammelte ich. Doch wie konnte ich Zweifeln? Ich sah die Beweise doch vor mir. Nur so gewannen all diese grotesken Eindrücke einen Zusammenhang. Wie sonst konnte man das ungewöhnliche Aussehen der Delegation erklären, die uns Begrüßt hatte. Mein Instinkt hatte nie den Erklärungen meines Verstandes trauen wollen, der diese Abweichungen in der Anatomie als Sinnestäuschung der nächtlichen Schatten hatte abschreiben wollen. Wie sonst sollte man Konstruktion dieser phantastischen Stadt erklären, das Fehlen jeglicher Brandung oder den leergefegten Himmel? Dies war Neverwhere, so unglaublich es auch war. Oder es war ein Trick. Aber wer sollte einen so aufwendigen Trick inszenieren? Und warum gerade für uns? Nein, es war kein Schwindel. Vielleicht lag es daran, daß ich mit den Erzählungen um Neverwhere aufgewachsen bin, daß ich den Worten Lazars glauben schenkte, vielleicht war diese Leichtgläubigkeit auch ein Fehler, doch im Moment akzeptierte ich es als Tatsache. Dies war Neverwhere.
Mr. Albright schien davon weniger überzeugt. >> Das ist ein Scherz, oder? <<, wandte sich ungläubig an den Stadthalter.
>> Gewiß nicht. Sicher dies scheint Ihnen nicht der grausige und unheimlich Ort zu sein, den Sie aus Ihren Gerüchten und Erzählungen kennen, voll von Monstren und anderen Nachtmahren. Natürlich, solche Plätze und Kreaturen gibt es hier auch, doch diese Insel wird bei weitem nicht von ihnen dominiert. Diese beängstigenden Gerüchte haben wir nur in die Welt gestreut, um ungebetene Besucher fernzuhalten. Würden wir die Wahrheit darüber verbreiten, was für ein Ort voller Wunder und phantastischer Möglichkeiten dies ist, würde dies sofort Gier und Machthunger wecken, bei manchen vielleicht sogar Neid, dem der Haß nicht fernliegt. Und Sie brauchen nur die Geschichte der Menschheit zu betrachten und Sie wissen, was passieren kann, wenn diese Gefühle in den Falschen erblühen.
 Kommen Sie, ich werde sie herumführen und Ihnen meine Worte beweisen. <<
Trotz meiner Überzeugung, daß er die Wahrheit sagte, zögerte ich, seiner Aufforderung nachzukommen. Meine Vernunft hielt mir immer wieder vor, ein gewisses Maß an Vorsicht und Mißtrauen zu bewahren, und ich gab mir die größte Mühe darauf zu hören.
Lazar bemerkte meine Unsicherheit. >> Keine Sorge, Ihnen wird nichts geschehen. Wenn Sie es wünschen, sorge ich dafür, daß mein Hafenmeister auf Ihrem Schiff zurückbleibt, bis Sie wieder zurück sind. Als Versicherung sozusagen. <<
Ich besprach mich kurz mit Mr. Albright, und beschloß daraufhin, das Angebot anzunehmen. Damit begann unser beider Führung durch die Stadt Port Anacor.

Ihre Architektur war überwältigend. Straßen erhoben sich über mehrere Ebenen, getragen durch Säulen, Streben und irrwitzige Konstruktionen aus stählernen Seilen. Brücken, Treppen und Rampen verbanden die Verschiedenen Straßen und Ebenen, ausgeklügelt und Komplex wie die Webereien einer Spinne. Nach und nach verlor sich mein Orientierungsinn in den Wundern und Kuriositäten, die sich um uns herum erhoben. Diese Stadt ließ jeglichen erhabenen Glanz, den das alte Babylon und Pompei je getragen haben mögen, ganz einfach verblassen.
Das Rathaus war nicht wirklich riesenhaft, doch seine majestätische Architektur verlieh ihm eine erhabene und großartige Wirkung, die es mächtiger erschienen ließ, als es eigentlich war. Dieser Trick war wahrscheinlich nicht deswegen angewandt worden, weil die Mittel fehlten, es größer zu gestalten. Dagegen sprach alles andere, was wir in Port Anacor zu sehen bekamen. vielmehr vermutete ich, es war ganz einfach aus dem Umstand heraus geschehen, daß dies mehr eine Stadt des Handels und der Geschäfte, als der Politik und Bürokratie war, so das der Platz besser zu Handelszwecken genutzt wurde. Dennoch wollte man die Wichtigkeit der Politik wohl nicht in den Hintergrund gedrängt sehen, da ohne sie auch keine Wirtschaft bestehen konnte. So schien dies die optimale Lösung. Ich war gespannt, was uns jenseits der Doppeltür aus dunklem Holz erwartete, die zwischen den dicken Onyxsäulen hindurch, ins Innere führte.

Lazar geleitete uns durch die prächtige Empfangshalle zu der dem Eingang gegenüberliegenden Seite des Raumes. Dort gab es mehrere offene Durchgänge, die jeweils in einen kleinen Raum führten. Der Stadthalter und Leena betraten mit uns einen davon. Rechts des Durchgangs, fand sich ein kleines Paneel mit Nummern. Leena drückte auf die Vier, die höchste der dort aufgeführten Zahlen.
Einen Herzschlag lang verschwamm mein Blick und als er sich wieder klärte, war die Empfangshalle jenseits des Durchgangs verschwunden. Statt dessen fiel mein Blick nun auf einen breiten Flur, der zu beiden Seiten von diversen Türen gesäumt war. Diese mußte eine Art Aufzug sein, oder vielmehr eine Art Teleporter, wie er so oft in allerlei kuriosen Zukunftsgeschichten beschrieben wurde.
Am Ende des Flurs fand sich eine elegante Flügeltür, welche Leena nun öffnete. Sie trat, allen voran,  in den Raum und sah sich dort um, während Lazar draußen mit uns verharrte.
Dann traten auch wir ein. Der Stadthalter setzte sich auf den ledergepolsterten Sessel, hinter seinen massiven Schreibtisch, während Albright und ich, auf zwei Stühlen ihm gegenüber platznahmen, welche uns von Leena bei unserem Eintreten angeboten wurden. Sie selbst stellte sich an die Seite ihres Vorgesetzten und verharrte dort.
>> Ich denke, wir sollten über einige Dinge sprechen. Dies ist sicherlich verwirrend und schwer
faßbar für sie, meine Herren. <<
>> Das kann man wohl sagen. <<, bestätigte Albright Lazar.
>> Das dachte ich mir. Aber seien Sie sicher, dies alles ist völlig real. Und die, die in der Regel hierherkommen, wissen das und sind darauf vorbereitet. Nur manchmal gibt es Stürme zwischen den Welten, Risse, durch die der Zufall hin und wieder Menschen, oder andere Wesen, hierhergelangen und stranden läßt. Auch wenn die Naturgesetze hier dehnbare Begriffe sind, hat die Willkür auch hier ihren Einfluß. Doch das macht nichts. Denn die, welche ohne ihren Willen hierherfinden, können ohne weiteres weiterreisen. Wir haben die Gewißheit, das die Rückkehr in ihre Welt, mit dem Vergessen dieses Ortes einhergeht. Sie werden sich an nichts mehr erinnern, außer vielleicht in ihren Träumen. <<
>>...verstehe. <<, sagte ich, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob ich es wirklich tat. Das alles hier verursachte ein Schwindelgefühl, das meine Gedanken durcheinanderwirbeln ließ. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ich war erschlagen. Mir blieb im Moment nichts, als die Worte Lazars hinzunehmen. Zu rationalem Denken und Widerspruch reichte meine geistige Verfassung allmählich nicht mehr. Die Gefühle, die ich bis jetzt im Griff hatte, begannen mich nun langsam zu überrennen.
>> Gut. In Ihrem Fall allerdings, haben wir ein Problem. << Der des Stadthalters war bei diesen Worten wesentlich ernster geworden. Ich begann ein Gefühl des Unbehagens zu spühren. Plötzlich klammerte sich eine Panik um meinen Hals. Eine Panik, daß ich mein Zuhause nicht mehr wieder sehen würde, daß ich auf Ewig hier festsaß, samt meiner Mannschaft. Daß ich verantwortlich dafür war, daß sie den Rest ihres Lebens hier fristen mußten, weit weg von geliebten Frauen, Kindern und Freunden.
Lazar schien meine innere Aufgewühltheit zu bemerken, woraufhin er gleich bestrebt war, mich zu beschwichtigen. >> Keine Sorge. Es handelt sich um nichts fatales. Doch wir haben Regeln. Gesetzte, die es zu befolgen gilt. Sie können ohne weiteres weiterfahren, denn, ohne sie beleidigen zu wollen, Sie sind keine Künstler, keine Visionäre. Bis auf einen. Einer ist unter ihrer Mannschaft, der die Vorraussetzungen erfüllt, Bürger unseres Staates zu werden. Sie müssen wissen, daß diese Insel von der Phantasie und den Träumen ihrer Bewohner lebt und geformt wird. Und da dieser Matrose aus ihrer Mannschaft das Potential hat, sind wir durch die Gesetzte dazu verpflichtet, ihm anzubieten, hierzubleiben. Da er aber ein Mitglied ihrer Mannschaft ist und ich ihn nicht einfach über ihren Kopf hinweg vor diese Möglichkeit stellen will, immerhin sind Sie sein direkter Vorgesetzter und auf ihrem Schiff gelten die Regeln ihrer Welt. Daher ist es ihre Entscheidung ihn vor die Wahl zu stellen oder nicht. <<
Für einen Moment blieb ich stumm. Mein Hirn begann in meinem Schädel dumpf zu pochen. Was
passierte hier bloß? >> Aha.<< Wieder schwieg ich für einen kurzen Moment, versuchte verzweifelt die Fassung zu behalten. Mehr und mehr spürte ich, wie mir die Sache entglitt. Ich verlor den Überblick über die Situation. Ich fühlte mich machtlos. >> Und woher wissen Sie das? Mit dem Mann aus meiner Mannschaft meine ich. <<
>> Ich bin in der Lage es zu spüren. Ich kann die Kunst fühlen. Wie auch immer. Bei dem Mann handelt es sich um Charles McGuire. Es ist ihre Entscheidung. <<
Und damit entließ uns der Stadthalter von Port Anacor. Er wünschte uns eine gute Reise, gab uns
die Koordinaten, denen wir zu folgen hatten, um auf unseren alten Kurs und in unsere Welt zurückzufinden und damit kehrten wir zum Schiff zurück.
Bald darauf stießen wir in See. Gerade in diesem Moment, da ich diese Zeilen schreibe, sehe ich die Küstenlinie mit ihrer zwischen die zwei Hügel gebetteten Stadt Port Anacor, hinter dem Horizont versinken, während wir mit voller Kraft in Richtung unserer Welt fahren. Ich schreibe dies als Erinnerung auf, damit diese Geschichte von Neverwhere nicht vergessen wird. Diese Zeilen sind mein Gedächtnis der letzten Stunden, den mein Gehirn wird das Erlebte nicht mehr erinnern, wenn wir nach Hause zurückkehren.
Was Charles McGuire anbetrifft, so habe ich ihm nicht vor die Wahl gestellt. Was Lazar gesagt hat, hat er nie erfahren. Ich komme mir schäbig deswegen vor, denn wenn ich ehrlich zu mir bin, habe ich es nur nicht getan, weil ich Angst vor den Konsequenzen hatte. Was wäre ich für ein Kapitän, wenn plötzlich einer meiner Matrosen fehlen würde und keiner wüßte warum? Was hätte ich seiner Familie sagen sollen? Und vor allem: Was wäre gewesen, wenn noch andere hätten bleiben wollen? Was hätte ich sagen sollen? Hätten sie es verstanden?
Doch das ist nun irrelevant, da in einigen Stunden nichts von dem hier passiert ist. In einigen Stunden, ist das, was ich hier aufgeschrieben habe, nur noch eine Geschichte.
                                                                                                                          Jeffrey Sinclair,
                                                                                                                               19.07.1952
 © Florian Rathcke 1999